Die Todesstraße ins Leben

von Pfarrer Virgil Fechetã
Orawitza

Zu den eindruckvollsten Erlebnissen einer Romfahrt gehört sicher der Besuch der Katakomben. Da geht man durch lange, unterirdiche Gänge, rechts und links die lange Reihe der Nischen der Toten, darunter Gräber von Christen und Märtyrern aus den I.Jahrunderten der Kirche. Die Katakomben, wie eine lange Straße des Todes.

Dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich in diesen Tagen der Allerhei-ligen durch die Gräberreihen der Toten auf unseren Friedhöfen gehe. Es steht vor mir, wenn die Liste der Toten des vergangenen Jahres verlesen wird oder wenn ich abends die Bilder von Unglücken und Kriegen auf dem Bildschirm sehe. Da wird mir bewußt: Wir alle gehen auf einer Straße des Todes und irgendwann endet auch un-ser Leben im Tod. Wir haben diese Stras-se unseres Lebens um einiges hinausgeschoben. Statistisch gesehen leben wir länger. Aber der Tod bleibt in unserer Welt. Und so bleibt die Angst vor ihm, weil wir nicht wissen, was danach kommt, die Angst hinauszutreten ins Unbekannte. Wir lehnen uns gegen ihn auf, weil wir nicht glauben wollen, dass so viel Großes und Sinnvolles plötzlich ins Nichts zerfallen soll. Wir wehren uns gegen ihn, weil alles in uns nach Ewigkeit verlangt. Und doch gilt das alte Sprichwort: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen.

Aber auf dem Gang durch die Ka-takomben habe ich eine Antwort erhalten auf das angstvolle Fragen und Suchen. Da ist auf manche Grabplatte ein Hoff-nungsbild gemalt: Die Jünglinge im Feuerofen, die aus dem Tod gerettet wurden; Jona sieht man dort, der aus dem Bauch des Ungeheuers ins Licht geworfen wurde; Daniel in der Löwengrube, der befreit wurde von den wilden Tieren. Und dann das Zeichen der Hoffnung: Christus, als den guten Hirten, dessen Führung man sich anvertrauen kann, weil er den Weg weiß, auch durch das finstere Tal des Todes. Diese Hoffnungsbilder sind auf Grabplatten gemalt, hinter denen Märtyrer und Christen beerdigt wurden.

Wir finden sie nicht nur in den Ka-takomben sondern überall in der Welt auf den Gräber von Christen, die die Seligprei-sungen in ihr Leben umgesetzt haben: Die Friedensstifter und Barmherzigen, die Gewaltlosen und Verfolgten. Sie alle sagen uns: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Straße des Todes führt ins Leben. Garant dafür ist Christus selbst, sind die vielen, die Bekannten und Unbekannten, die versucht haben, nach ihm und mit ihm zu leben.

Diese Botschaft der Heiligen, diese Botschaft vom Leben nehmen wir mit an die Gräber unserer Toten, wir nehmen sie hinein in den dunklen November, wir halten sie lebendig, wenn wir mit dem Tod konfrotiert werden. Diese Botschaft kann uns auf unserer Straße Hoffnung geben und unser Leben ändern.

Ein Lied sagt es so:

Wenn ich gestorben bin und verloren,
Wird man mich senken in deine Erde.
Wenn ich verloren bin und verlassen,
Wirst du mich halten in deinen Händen.
Wenn ich verlassen bin und vergessen,
Wirst du mich nennen in deinen Namen.
Wenn ich vergessen bin und vergangen,
Wirst du mich bergen in deiner Treue. Amen.